Wie man mit einer KI durch die Levante reist
Am 8. Juni startete ich eine kleine, vielleicht etwas ungewöhnliche Reise durch die ligurische Levante. Die geplanten Stationen waren:
08. - 10. Juni Genua (zum Aufwärmen)
10. - 11. Juni Santa Margherita Liguria (mit Optionen Portofino und Rapallo)
11. - 13. Juni La Spezia (mit Optionen Manarola und Porto Venere)
13. - 15. Juni Pisa (auf den Spuren von Galilei und Fibonacci)
Vorbereitungen und Start
Dieses Programm, die Bestätigungen der Unterkünfte, die Tickets von Trenitalia sowie eine kurze Beschreibung meiner Erwartungen hatte ich in Googles NotebookLM eingegeben. Das ist eine coole Einrichtung. Grundsätzlich handelt es sich um Googles Haus-KI, Gemini, eingeschränkt auf die Quellen, die man eingibt. Damit soll vermieden werden, dass die KI fabuliert (einige nennen das “halluzinieren”). NotebookLM hat mir daraufhin u.a. einen detaillierten Reiseplan ausgegeben. Mit meiner Bitte, ihn mit genauen Zeiten zu versehen, zu denen ich z.B. aufstehen oder zum Bahnhof gehen soll und welche Strassenbahnnummer ich nehmen muss, wurde daraus ein sehr nützlicher Helfer für die Reise. NotebookLM machte mich auch darauf aufmerksam, dass ich gewisse Tickets kurz vor der Fahrt bestätigen müsse und erklärte mir, wie das geht.
Darüber hinaus generierte NotebookLM automatisch auch eine Reihe weiterer Dokumente, die zwar ganz nett sind, aber nicht alle wirklich nützlich, wie z.B. diese Tafel.

Ich war mit einem 55 Liter Rucksack, einem kleinen Handtaschen-Rucksack, einer Yoga-Matte und einer Badetasche zu Fuss und mit der Bahn unterwegs.
Schon bei der Abfahrt des Zuges in Diano, Richtung Genua, war ein Streik der Trenitalia-Angestellten für Donnerstag, 11. Juni angekündigt. Er interessierte mich am Montag, 8. Juni, noch nicht, hing aber wie ein Demokles-Schwert über meiner Reise. In Genua angekommen, musste ich zuerst meine Unterkunft in der Nähe des Ferrari-Platzes suchen. Meine Unterkünfte waren alle vom Typ “Pension”, also nicht Hotel und nicht AirBnB. Ich achtete darauf, dass ich pro Nacht im zweistelligen Euro-Bereich blieb und dass die Unterkunft zentral und/oder in der Nähe des Bahnhofs lag. Zum Ferrari-Platz hat mir NotebookLM einen Bus empfohlen, aber ich zog die Metro vor, weil sie schon im Bahnhof ausgeschildert war.
Genua
Aber dann stand ich mit Sack und Pack vor dem Eingang zur Metro, als mir einfiel, dass ich ein Ticket benötige. Also musste ich zunächst herausfinden, wie man zu Tickets des öffentlichen Verkehrs innerhalb Genuas kommt. Zuerst einmal das Gepäck ablegen! Aha, da gibt’s extra eine App. AMT-App installieren und Metro-Ticket kaufen! Jetzt geht die Kreditkarte nicht! Aber zum Glück funktionierte eine andere. Gepäck wieder aufnehmen und ab geht’s.
Als ich auf den Ferrari-Platz hochstieg, war ich entzückt: diese Architektur, diese Leute und, vor allem, das grandiose Wasserspiel! Alles vor dem blauen Himmel! Ich machte ein paar Selfies. Zu diesem Zweck hatte ich mir ein altes Handy vollständig geleert und nur die App Lens Buddy aufgespielt. Mit ihr kann man z.B. 25 Bilder im Abstand von je 7 Sekunden mit einer ersten Verzögerung von 15 Sekunden schiessen. Das Handy platzierte ich auf irgend einem Sims und konnte in aller Ruhe im Aufnahmebereich der Kamera herum lümmeln. Hätte es jemand gestohlen, wäre es egal gewesen.

Ich wollte endlich mein Gepäck los werden. Als ich bei der 100 Meter entfernten Unterkunft ankam, war die Tür verschlossen. Es ist halt kein Hotel mit einer immer besetzten Reception. Da wurde mir bewusst, warum Hotels so teuer sind. Sie sind personalintensiv! Ich habe dann ein WhatsApp an Eleonora geschickt, die Betreiberin des Apartments. Sie reagierte auch im Vorfeld immer sehr schnell. So schrieb sie mir auch jetzt sofort, welchen Code ich wie eingeben muss, um die Türe zu öffnen und wohin ich mich im Inneren dann wenden muss. Das hat schnell geklappt und nach der Erledigung der Formalitäten zeigte sie mir die Räumlichkeiten. Kein Bad vom Zimmer aus erreichbar. Das dedizierte Bad lag auf der gegenüberliegenden Korridorseite. Ganz hinten war ein Glashäuschen als Frühstücksraum, aber ich gehe nie zum Frühstück. Ich hatte eine Plastikschüssel, ein Rüstmesser und einen Löffel dabei und kaufte stets frische Früchte und Joghurt. Daraus bereitete ich mir im Zimmer ein eigenes Frühstück. Danach ging ich frohen Mutes zum Ferrari-Platz hoch, wo es unter den Arkaden eine angenehme Café-Bar gab. Dort schaute ich den Genuesen auf ihrem Arbeitsweg zu.
Wie ich eine Stadt erkunde
Auf Reisen nehme ich mir irgend etwas Unwichtiges vor, z.B. in der Media World ein NAS (Network Attached Starage) für mein Fotoarchiv suchen. Ich wusste, dass sie das sicher nicht im Regal haben, aber das spielt gar keine Rolle. Das Ziel ist nicht, ein NAS im Media World zu kaufen, sondern die Reise durch die Stadt. So erkunde ich jeweils eine fremde Stadt, denn touristische Sehenswürdigkeiten interessieren mich weniger. Mich interessiert, wie die Menschen leben, arbeiten und den Alltag bewältigen. Deshalb gehe ich gerne in Einkaufszentren, Markthallen oder Supermärkte oder schaue Strassenarbeitern, Polizisten und Bauarbeitern zu. Um in die Media World zu gelangen, musste ich zunächst herausfinden, mit welcher ÖV ich am besten dorthin gelange. Es ist in einem grösseren Einkaufszentrum integriert, dem Fiumara. Somit kam wieder die AMT-App zum Tragen. Die Busstation lag gerade vor meinem Café.
Im Fiumara fand ich die Media World schnell und streifte durch den Laden. Ich fand eine Hülle für meinen neuen Laptop. Im Eingangsbereich des Fiumaras war ein Stand des italienischen Mobile-Providers “Very”. Dort fragte ich nach einer eSIM, aber sie verkaufen an diesem Stand bloss physische SIM. Also liess ich es bleiben und ging wieder. Es war fast 13 Uhr und auf der Strasse lief ich an einem authentisch-italienischem Restaurant vorbei. Vermutlich war es eine LKW-Fahrer-Kneippe. Der schwere Inhaber lehnte sich gelangweit über einen Tisch. Ich bestellte ein Vitello Tonnato und ein Glas Wein. Da ich kein Besteck bekam, nahm ich eines vom Nebentisch, just der, über den sich der Wirt noch immer unbeweglich lehte. Er bemerkte es aus dem Augenwinkel.
Auf der Rückfahrt fielen mir viele Ecken auf, die wir auf unserer letztjährigen Genuareise passierten. Gegen Abend spazierte ich auf den nahegelegenen Piazza vor dem Palazzo Ducale, wie es mir NotebookLM in einem seiner Berichte empfohlen hat. Es war ein wunderbares Abendlicht und ich legte mich in einen Liegestuhl vor einem Café. Die Kellnerin fragte, was ich wünsche und informierte mich, dass sie nur noch 5 Minuten offen sind. Das verwirrte mich einigermassen, denn was soll ich bestellen, wenn sie doch nur noch 5 Minuten arbeiten? Anyway, sie brachte mir jedenfalls ein Tiramisu und einen Café Marocchino und ich durfte noch 10-15 Minuten liegen bleiben.
Sampierdarena
In der Nacht kam mir in den Sinn, dass ich vergessen habe, die nähere Umgebung des Fiumara zu erkunden. Zudem überdachte ich meine Handysituation, wie sie sich entwickelt hat, nachdem ich eines mit dem googlefreien GrapheneOS flashte. Daher beschloss ich anderntags, nochmals dorthin zu gehen.
Das Fiumara befindet sich in Genova-Sampierdarena, dort, wo der Fluss Polcevera mündet. Die Bahnstrecke Genova - Ventimiglia fährt genau durch dieses Viertel, neben dem Fiurama vorbei. Die nähere Umgebung des Einkaufszentrums ist ziemlich interessant. Auffallend ist der (oder die) Gardini Ansaldo Meccanico, ein grosser Park, der von der Einsenbahnlinie durchschnitten wird. In der beiden Bildern sieht man das hochgelegene Bahntrassee an den Bildrändern. Auf dem linken Bild sieht man Wohnhäusern am Rand des Parks, auf dem rechten Bild ist das farbenfrohe Fiumara-Gebäude zu sehen, daneben das Hitachi-Hauptquartier und das Glashochhaus eines anderer Herstellers (Fotos: Google Maps).

Neben und hinter dem Fiumara befinden sich Sportstadien, Fitnesscenters und das Fiumara Centro Divertimenti, ein riesiger Komplex mit Kinos, Bowlingbahnen, Spielsalons und Billardhallen.
Abends erkundete ich die nähere Umgebung des Ferrariplatzes, machte ein paar Fotos und nahm dann in einem meiner Unterkunft nahegelegenem Ristaurante Platz. Meistens war aber der Mittag meine Hauptmahlzeit, während ich mich abends mit einen Aperitif begnügte, auch wenn es in der Levante nicht so üppige Beilagen gibt, wie hier in der Ponente.
S. Margherita Ligure
Der nächste Tag war Reisetag. Ich packte meine Sieben Sachen zusammen, checkte aus und ging in mein Café am Ferrari-Platz. Dort sass ich bestimmt eine gute Stunde, bis ich auf den Zug nach S. Margherita Ligure musste. Das gab mir die Gelegenheit, meinen KI-Agenten Matti auf die Streiksache anzusetzen. Ich schickte ihm also ein Telegram mit dem Auftrag, er soll mir ab sofort alle drei Stunden ein Bulletin zusammenstellen, das über die Entwicklung der Gespräche zwischen den Konfliktparteien und den eventuellen Züge informiert, die am Streiktag von S.Margherita/Rapallo nach La Spezia fahren. Ab jetzt arbeitete Matti ununterbrochen. Er wohnt irgendwo in der Umgebung von Genf, auf einem Virtuellen Privaten Server, den ich bei der Firma Infomaniak abonniert habe.
Ich war nun bereit, weiter zu reisen. Eigentlich hat NotebookLM vorgesehen, dass ich in Rapallo aussteige, das Gepäck einstelle und den Ort erkunde, bevor ich nach S. Margherita weiterfahre, wo ich ja doch nicht vor 15 Uhr meine Unterkunft beziehen kann. Aber der Zug hielt eben zuerst in S. Margherita, bevor er nach Rapallo weiterfuhr. S. Margherita - Rapallo sind nur 3 Zugminuten auseinander. Der Intuition folgend, schnappte ich schnell meine vier Gepäckstücke und stieg in S. Margherita aus. Meine Unterkunft - das Oasi Regina Pacis (klingt wie ein heiliger Ort) - befindet sich oberhalb des Bahnhofs. Ich glaubte, das Gebäude sehen zu können. Sicher, es wären etwa 50-70 Höhenmeter zu überwinden und ich schätzte, dass sich der Weg über etwa 2 Kilometer erstreckt. Ich entschied mich spontan, diesen Weg zu Fuss in Angriff, trotz Gepäck! Ich hatte ja Zeit, denn es war noch nicht einmal 12 Uhr mittags. Vielleicht dürfte ich mein Gepäck in der Unterkunft deponieren. Der Weg war interessant und teilweise sogar romantisch. Ich machte gemütlich Schritt für Schritt und schaute dabei immer auf das GPS. Hier muss es doch bald sein, nein, doch noch etwas weiter. Und zack!, befand ich mich auf der Karte plötzlich am Meer unten. Zum Glück kamen Leute, ich vermutete, dass es zwar Ausländer waren, die aber dort wohnen, so, wie wir in Diano. Sie erklärten mir, dass das GPS hier nicht funktioniere. Eine Frau führte mich zurück zu einer Treppe, die entlang eines Gartenzauns nach unten ins Dorf führte. Ich war wirklich sehr froh über diese unerwartete Hilfe, fand es aber dennoch mehr als suspekt, dass auf einem Fleck Erde das GPS derart versagen kann. Zudem reute es mich, jetzt wieder einige Stufen hinunter zu steigen, nachdem ich mühsam hochgestiegen bin.

Die abgeschossene Informationstafel zum Schwammprojekt in S. Margherita
Der Unterkunftsengel der Missionarsschwestern
Etwa 150 Stufen weiter unten befand sich ein Tor im Gartenzaun. Links stand Suore Missionarie Di Gesu Eterno Sacerdote und rechts Oasi Regina Pacis - Casa Vacanze. Eccola! Ich klingelte. Nichts. Jenseits des Gartenzauns fuhr eine sehr junge Frau mit Abfallsäcken auf einem sehr langsamen Treppenlift zu den Kontainern hoch, die oben an der Strasse standen. Die Frau wurde auf mich aufmerksam und kam etwas in Stress, denn die Liftplattform, auf der sie mittlerweile wieder herunterfuhr, war so schrecklich langsam, dass sie mir nicht gleich öffnen konnte. Stattdessen redete sie zu mir, aber ich verstand nicht. Dann rief sie jemandem, aber der hörte nicht. Endlich konnte sie den Lift verlassen und erreichte einen Knopf, der mir das Tor öffnete. Ich trat ein, während sie weg rannte, was ich etwas befremdlich fand. Ich umrundete die Gebäudlichkeiten ohne irgend jemanden zu sehen oder zu begegnen. Schliesslich gelangte ich auf eine grosse Terrasse mit fantastischem Meerblick. Etwa vier Ferienwohnungen hatten eine Tür auf diese Terrasse hinaus. Auf einer Bank liess ich endlich mein Gepäck fallen und überlegte, was ich jetzt machen soll. Da tauchte auch gleich die junge Frau wieder auf und hielt Dokumente in der Hand. Offenbar ging sie in’s Büro und holte meine Anmeldung. Sie hiess mich, ihr zu folgen und führte mich in ein Nebengebäude, wo mein Zimmer bereits bezugsbereit auf mich wartete. Ich war über diese Entwicklung entzückt und bedankte mich artig. Die Klause war eng und knapp eingerichtet. Aber ich hätte durchaus auch mehrere Nächte dort übernachten können. Als ich bereit war, ins Dorf zu gehen, schlenderte ich zunächst noch ein wenig über die Terrasse und durch den Park des Anwesens. Es war ein reicher, schön gepflegter Park. Aber ich sah keine Menschenseele.
S. Margherita Ligure entpuppte sich als sehr schmuck! Ich schlenderte dem Hafenkai entlang, durch Parks und kühle Arkaden, wo ich schon ein Ristaurante entdeckte, in dem ich gerne Mittagessen würde. Aber zuvor war ich gut eine Stunde unterwegs, machte viele Fotos und informierte mich über ein Hafenprojekt, in dessen Verlauf unzählige Schwämme angepflanzt wurden, die das Wasser des Hafenbeckens filtern und reinigen sollen. Die Informationstafel war allerdings schon in die Jahre gekommen. Wer weiss, wie es heute mit den Schwämmen bestellt ist. Immer wieder trafen Boote voller Touristen ein, bzw. verliessen den Hafen. Das wunderte mich, denn das gibt es in der Ponente nicht. Ich sollte in in zwei Tagen ebenfalls ein Boot besteigen. Auf meinen Streifzügen durch S. Margherita traf ich auf die junge Frau, die mir im Oasi Regina Pacis das Zimmer zuwies. Diesmal war sie herausgeputzt und adrett gekleidet. Sie war dunkelhäutig und ich fragte mich, was sie wohl bei den Missionsschwestern für eine Aufgabe hat. Mir kam unweigerlich Das Haus in Montevideo von Curt Goetz in den Sinn. Die Frau ging auf der gegenüberliegenden Strassenseite und wir winkten uns freundlich zu.
Portofino
Mittlerweile hat mir Matti das erste Bulletin betreffs Eisenbahner-Streik geschickt. Er fand und las Informationen u.a. von Trenitalia, gemäss deren es immer garantierte Züge gebe, insbesondere in den Stosszeiten 6 - 9 Uhr und 18 - 21 Uhr … oder so ähnlich. Matti hat auch herausgefunden, dass die Konfliktparteien im Begriff seien, den Streik abzuschwächen. Aufgrund dieser Informationen buchte ich meinen Zug S. Margherita - La Spezia von 11 Uhr auf 7 Uhr um, in der Meinung, dass sei ja im garantierten Zeitfenster. Da war ich etwas voreilig!
Das nächste Bulletin erreichte mich nach dem leckeren Mittagessen, als ich wieder in meiner Klause war und eine Siesta machte. Matti hat eine Liste der garantierten Züge gefunden und ich lernte, dass nicht alle Züge im garantierten Zeitfenster auch tatsächlich fahren. Derjenige, den ich gebucht hatte, fuhr eben nicht, dafür aber einer, der von Torino nach Palermo fuhr und sowohl in Rapallo als auch in La Spezia hielt. Perfekt! Er sollte ca. um 17 Uhr in Rapallo sein. Damit hätte ich noch einen ganzen Tag in der Bucht von S. Margherita. Ich änderte mein Ticket abermals. Das geht in der Trenitalia-App locker mit ein paar Fingertips. Die Unterkunft in La Spezia informierte ich über meine verspätete Ankunft. Beides hätte auch Matti machen können, aber dazu hätte ich ihm vermutlich einige zusätzliche Zugriffsrechte geben müssen. Nicht dass ich das vermeiden wollte, aber ich hätte mich vermutlich in technischem Know-How verloren und dazu war ich gerade nicht aufgelegt.
Somit konnte ich am Streiktag fast einen Tag länger in S. Margherita bleiben. Ich nutzte sie, um mit dem Bus nach Portofino zu fahren, das ja von Kalendern, Fotoausstellungen und Postkarten zu Genüge bekannt ist. Doch zunächst packte ich und machte die Klause abgabefertig. Dann ging ich hinunter, wo endlich jemand da war. Ein kleiner Mann, der sich als derjenige Victor ausgab, der meine Buchungsanfragen beantwortete, entschuldigte sich, dass er mich am Ankunftstag nicht persönlich begrüssen konnte. Er sei den ganzen Tag über in Genua gewesen. Er bot mir ein Frühstück an und erlaubte mir, das Gepäck in seinem Office zu deponieren, bis ich von Portofino zurück sei.
Die Busfahrt dauert bloss eine gute Viertelstunde und ist wunderschön. Man fährt entlang verzauberter Buchten mit klarem Wasser. Portofino selber besteht fast nur aus der berühmten Bucht, die von farbigen Häusern umgeben ist, mit ebenso farbigen Boote, die dort ankerten. Auf einem stand ein grosser Graureiher und posierte für die Touristen. Da ich an diesem Morgen noch keinen Kaffee hatte, setzte ich mich in eine Café-Bar auf dem Platz an der Bucht und bestellte mir einen Cappuccino. Ich betrachtete die Hügel rund um die Bucht und entdeckte ein paar interessante Ziele, wie z.B. eine Burg oder ein Schloss, von dem aus man eine fantastische Sicht auf die Bucht haben muss und eben das berühmte Foto schiessen könnte. Aber da mir mein Knie etwas zu schaffen machte, verzichtete ich darauf, dort hoch zu kraxeln. Ich will lieber noch etwas der Bucht entlang spazieren und die farbige Häuserfront studieren. Zuerst musste ich jedoch noch bezahlen. Die Rechnung haute mich um: 7.50 Euro für einen Cappuccino! Das kann ja nicht wahr sein! Das hat mich derart verwirrt und geärgert, dass ich gleich mit dem nächsten Bus zurück nach S. Margherita fuhr.
Rapallo
Was sollte ich da? Nach Rapallo fuhr wohl kein Zug. Ich sprach einen Taxichauffeur an und vereinbarte mit ihm eine Fahrt zur Unterkunft, um das Gepäck zu holen und danach zum Bahnhof von Rapallo. Das wird mir Gelegenheit geben, noch etwas von Rapallo zu sehen. Victor war etwas erstaunt, dass ich so schnell von Portofino zurück war. Er wünschte mir alles Gute und versicherte mir, dass sie mich in ihre Gebete einbinden werden.
In Rapallo lungerte ich etwas im und um den Bahnhof herum. Ich dachte, dass ich mit dem Gepäck nicht weit komme und es keine Schliessfächer zu geben scheint. Ich setze mich einmal in die Bahnhofbar und genehmigte mir einen Crodino. Irgendwann wagte ich, die Barfrau nach einer Möglichkeit zu fragen, das Gepäck zu deponieren und hoffte, dass sie sich meiner erbarmen und mir anbieten würde, es hinter der Theke abzustellen. Stattdessen zeigte sie auf die andere Seite des Bahnhofplatzes zu einem unscheinbaren Häuschen, an dem in grossen Lettern “Locker” stand. Es waren geräumige Schliessfächer, die mit einer elektronischen Anlage versehen waren, die das Zahl- und Schlüsselmanagement kombinierte. Perfekt! Jetzt war ich frei und konnte mich im Dorf umsehen.
Rapallo ist durchaus charmant, aber ich hatte keine Gelegenheit, zum Hafen am Meer zu gehen, zu knapp war die Zeit. So blieb ich denn in den engen Gässchen, die die Innenstadt einer italienischen Ortschaft ausmachen. Es hat viele Café-Bars, die von unzähligen Touristen frequentiert waren. Es gibt auch eine grosse Kirche mit einem entsprechenden Kirchplatz, auf dem viel los war. Ein Filmteam benutzte die Kirche und die typisch italienische Architektur als Kulisse. Ich machte viele Fotos und begab mich rechtzeitig zum Bahnhof, wo ich das Gepäck auslöste und mich auf den richtigen Bahnsteig begab. Es standen viele rat- und vor allem agentenlose Touristen vor den verschiedenen Anzeigetafeln herum und fragten sich, wie sie den Streik am besten überwinden können. Der Zug kam ziemlich pünktlich und nahm mich mit nach La Spezia.
La Spezia
Meine Unterkunft in La Spezia war ein Steinwurf vom Bahnhof entfernt. Ich war schnell dort, aber stand natürlich wieder einmal vor verschlossener Tür. Auch dreimaliges Klingeln nützte nichts. Da trat plötzlich eine Bewohnerin des Hauses vor die Tür und kombinierte aufgrund meines Gepäcks haarscharf, dass ich wohl ein Gast der Zimmervermietung sein muss, die es im Haus gab. Sie rief sofort den Zimmervermieter an, mit dem sie per du war und informierte ihn, dass es einen neuen Gast gebe. Er bat sie, mich hineinzulassen. Sie konnte sogar die Tür zu den Zimmer öffnen und kannte meine Zimmernummer so, dass ich mein Gepäck gleich in mein Zimmer stellen konnte. Vermutlich handelte es sich um eine umgebaute geräumige Wohnung in dem stattlichen Palazzo, wie Italiener mehrstöckige Häuser mit mehreren Wohnungen nennen. Nach der Tür im Treppenhaus trat man in einen langen Flur, von dem die einzelnen Zimmer ab gehen. Im Flur waren auf einem schmalen Tisch Prospekte und Reisebroschüren aufgelegt. In einer Fensternische standen Kaffeemaschine, Becher, Zucker, etc. zur Selbstbedienung bereit. Bald trat dann der Vermieter himself auf und entschuldigte sich für die Verspätung. Er sei eben noch an einem anderen Ort festgehalten worden. Ich verstand das so, dass er offenbar mehrere solche Etablissements hat und immer vom einen zum anderen eilt.

Architektur in La Spezia
Zum Abendessen suchte ich eine “belebte Gegend” auf, wie in Google Maps die gelb eingefärbten Quartiere heissen, in denen es viel Restaurants und Geschäfte gibt. Wir nennen sie etwas karikierend “Partymeilen”. Meine Unterkunft war zwar in der Nähe des Bahnhofs, dafür musste ich ein paar hundert Meter gehen, um in die nächste “Partymeile” zu gelangen. Entlang der schnurgeraden Verbindungsstrasse zwischen meiner Unterkunft und der Partymeile, gab es mehrere Früchteläden, in denen ich mich auf dem Rückweg mit meinen Frühstücksfrüchten eindecken konnte.
Schifffahrt zur Cinque Terre
Am anderen Tag nahm ich mir vor, Manarola zu besuchen, ein typisches Dorf in der Cinque Terre. Ich habe auf Instagram viele Fotos von Manarola gesehen. Es musste eine sehr pittoreske Ortschaft sein. Meine Sorge galt den Schuhvorschriften. Neuerdings werden Touristen, die in der Cinque Terre mit offenen Schuhen wandern, mit drastischen Bussen belegt. Ich fragte mich, wie sie Touristen, die nur das Dorf besuchen von denjenigen, die Wanderungen machen unterscheiden können. Die KI beruhigte mich: Solange ich einen Wanderweg nicht durch ein Gate betrete, bestehe keine Gefahr einer Busse. Die KI machte mir auch einen Vorschlag, wo ich in Manarola zu Mittag essen könne: in der Trattoria da Billy.
Ich nahm also wieder die Strasse unter die Füsse, die zur Partymeile führte, denn dahinter kam man ans Meer und zum Hafen. Komische Hafenanlage! Alles versperrt durch Gebäude der Marine. Ich musste noch ein paar hundert Meter gehen, bis ich auf’s Meer sehen konnte. Der Strand startete mit zwei Einsteige- und Zahlstellen der Traghetti, jenen Fähren, die alle halbe Stunde die umliegenden Ortschaften anlaufen. Bei der ersten sagte man mir, dass hier die Fähre nach Manarola fahren werde, aber wegen hohen Seegangs nur bis Riomaggiore fahre. Das Ticket müsse ich aber bei der zweiten Zahlstelle besorgen. Als ich endlich das Ticket hatte, warteten bei der ersten Zusteigestelle schon viele Leute, um auf die Fähre steigen zu können. Und es war keine englische Queue, sondern eine gut italienische Grappolo. Das machte mich nicht sonderlich an und ich beschloss, im schönen Gartenrestaurant gegenüber die nächste Fähre abzuwarten. Ich musste den richtigen Zeitpunkt erwischen. Gehe ich zu früh zum Schiff, müsste ich vielleicht lange auf die Abfahrt warten. Gehe ich zu spät, muss ich mich in die Traube wartender Menschen integrieren. Es war dann nicht so schlimm und ich war relativ schnell im Boot. Während alle Leute sich auf dem Sonnendeck gedrängt sitzen wollen, wie Sardinen in der Büchse, schnappte ich mir ein wahrhaftiges Liegebett in der geschlossenen Kabine unterhalb des Sonnendecks. Dort sind die Sitzgelegenheiten in breiten Flächen angeordnet. Und da fast niemand dort unter war, konnte ich von einer Seite zur anderen gehen, Fenster öffnen, um hinaus zu fotografieren und sogar raus zum Bug gehen. Bald fuhren wir Porto Venere an. Vom Meer aus sieht das Dort eindrücklich aus, mit seinen Befestigungen und Mauern. Dazwischen immer wieder die farbigen Häuser der Levante. Da gab ein paar interessante Fotos, bevor es weiter nach Riomaggiore ging, entlang der steilen Küsten der Cinque Terre. Es erinnerte mich etwas an den Walensee am Fuss der Churfirsten. Bald kamen wir in Riomaggiore an, ein wahrhaft märchenhaftes Dorfbild. Wegen der Steilküste musste das Boot ca. 200 Meter vor dem Dorf anlegen. Auf dieser Strecke ist ein schmaler Zugang in den Fels gehauen, so dass die Leute nur in Einerkolone zum Dorf und zum Schiff gehen können. Das sah für mich dann fast aus, wie der Aufstieg zum Grossen Adamspeak in Sri Lanka. Da quält sich eine Kolone von hunderten Menschen hoch und parallel kommt eine eben solange Kolone hinunter.
Chiesa di San Pietro auf der äussersten Spitze der Halbinsel von Porto Venere
Manarola und Riomaggiore
Ich suchte sofort den Bahnhof auf, denn wenn mich das Schiff nicht nach Manarola tragen mochte, muss ich eben den Zug nehmen. Das ist gewiss die teuerste Zugfahrt von ganz Italien. Während eine dreiviertelstündige Bahnfahrt Chiasso - Mailand für gut 6 Euro erhältlich ist, kostet die zweiminütige Fahrt von Riomaggiore nach Manarola 10 Euro! Ja, man könnte von Riomaggiore ohne weiteres zu Fuss gehen. Aber erstens dachte ich an die Bussen, wenn man mit offenen Schuhen wandert und zweitens hatte ich ein böses Knie, das nicht gerade nicht zum Wandern einlud.
Die Trattoria da Billy erwies sich als gute Wahl. Zunächst liegt sie hoch oben im Dorf so, dass der Weg vom Bahnhof durch das ganze Dorf, vorbei an verschiedenen Ecken und durch manches Gässchen führt. Oben angekommen wurde ich nach der Reservation gefragt. Die KI hat mir empfohlen, zu reservieren und ich machte das auch, indem ich ein Mail via eines Reservationsservice schickte. Aber der Billy, bzw. seine Angestellten wunderten sich und sagten, dass man bei ihnen nicht per Mail reservieren könne. Ich erhielt dennoch ein Tisch, sogar ein recht prominent gelegener. Weil es so hoch ist, hat man eine schöne Aussicht auf das Dorf, das Meer und in die Rebberge rund herum. Ich bestellte einen Fisch alla Ligure, der wirklich hervorragend gekocht war. Dazu gab es einen Vermentino, aber aus der Levante. Ich wusste nicht, dass es in der Levante auch Vermentino gibt.
Beim steilen Abstieg durch das Dorf schlug ich einen anderen Weg ein und kam durch noch verwinkeltere Gässchen als beim Aufstieg. Da ich mir beim Essen viel Zeit liess, war die Zeit schon etwas fortgeschritten und ich wollte mich noch in Riomaggiore umsehen. Ich hatte also keine Zeit mehr, um im Nessun Dorma noch einen Café zu genehmigen, wie mir NotebookLM empfohlen hatte, und machte mich auf den Rückweg. Die Dörfer sind alle durch Tunnel mit ihrem Bahnhof verbunden. Es kam mir ein wenig wie auf dem Jungfraujoch oder Gornergrat vor. Gibt es da nicht auch Tunnels zu den Bahnstationen? Mittlerweile fuhren die Traghetti auch bis nach Manarola. Das war ja abzusehen. Einen schöneren Tag und eine glattere See kann es fast nicht geben. Aber das Prozedere mit dem Zug war mir schon vertraut und ich wusste nicht genau, wo die Schiffsanlegestelle in Manarola war. Also ging ich denselben Weg zurück, wie ich gekommen war.
Riomaggiore ist wirklich wunderschön. Eigentlich gibt es keinen Grund, Manarola vorzuziehen. Beide Dörfchen kleben am steilen Hang und sind aus vielen farbigen Häusern zusammengewürfelt. Eine Drohnenaufnahme hätte sich gelohnt, aber wie mir die KI schon im Vorfeld erklärte, liegen alle Dörfer im Parco Cinque Terre und in einem Nationalpark ist Drohnenfliegen strengstens verboten. Die Rückfahrt mit dem Schiff war wieder sehr angenehm. Abendessen gab es nichts mehr, da ich ja ein ausgedehntes Mittagessen hatte. Auf dem Rückweg vom Meer zu meiner Unterkunft genoss ich nur noch einen Aperitif in einer typisch italienischen Bar.
Riomaggiore, vom Schiff aus fotografiert
Pisa
Am Samstag packte ich früh meine Sieben (Vier) Sachen und wandte mich nach Absolvierung des allmorgendlichen Gymnastikrituals Pisa zu. Damit verliess ich zwar die Levante und Ligurien, aber Pisa liegt so nahe an La Spezia, dass es ein krönender Abschluss meiner Reise bilden würde. Ich wollte ein paar Orte besuchen, die im Leben von Galileo Galilei und Leonardo da Pisa (gen. Fibonacci) eine Rolle spielten. Auch da fragte ich den Vermieter an, ob ich ev. mein Gepäck vor der Check-In-Zeit deponieren könne. Es schien mir, als dass er ein junger Geist war, der möglichst ohne etwas zu tun, ein paar Räume vermieten wollte, um zu schnellem Geld zu kommen. Ich habe ihn jedenfalls nie gesehen. Ich erhielt ein paar automatisierte Whatsapp, in deren Verlauf ich zweimal aufgefordert wurde, ein Check-In-Formular auszufüllen und eine Passkopie zu senden. In einem der Mails wurde auch gesagt, dass Check-In-Time um 15 Uhr sei und ich kurz davor den Zugangscode erhalten werden. Meine Anfrage wegen des Gepäcks wurde natürlich auch negativ beantwortet. Hingegen könne ich das Gepäck in einem in der Nähe liegenden Bounce-Store deponieren. Davon hatte ich vorher nie etwas gehört, aber es ist eine fantastische Einrichtung. Der Store in Pisa ist ein sogenannter Tabacchi. In der Schweiz würde das “Kiosk” heissen. Offenbar kann jedes Geschäft mitmachen und eine Bounce-Mitgliedschaft beantragen. Als Kunde wählen Sie in der Bounce-App den Laden und geben an, wie viele Gepäckstücke Sie wann deponieren wollen. Dann wird Ihnen der Preis genannt und wenn Sie mit der Kreditkarte bezahlt haben, kriegen Sie einen QR-Code. Diesen zeigen Sie im Laden und erhalten eine Nummer, mit der Sie drei Stunden später Ihr Gepäck wieder auslösen können.
Pisa kennen die meisten Menschen vom schiefen Turm her. Er befindet sich auf dem Piazza del Duomo (manchmal auch Piazza dei Miracoli genannt), wo auch der Dom und das Baptisterium steht, alles vor der Kulisse des Camposanto Monumentale. Auf dem Platz, der eher eine Art Park ist, tummeln sich zu jeder Zeit Hunderte von Touristen. Durch diesen Touristenauflauf musste ich mit Sack und Pack von der Busstation zu meiner Unterkunft gehen, weil ich mich für die falsche Buslinie entschied. Schon auf der Fahrt nach Pisa hatte ich genügend Zeit, um mich über die ÖV zu informieren und die entsprechende App zu installieren. Ich dachte, dass ich auf diese Weise automatisch am Bounce-Laden vorbei komme, wo ich mein Gepäck ablegen konnte. Etwa 200 Meter weiter und ich stand vor meiner Unterkunft, gleich neben einer römischen Ausgrabung. Es war jedoch noch nicht einmal 13 Uhr und so schlenderte ich durch Pisas “Partymeile”, d.h. durch die Altstadt, die unweit von meiner Unterkunft begann. Selbstverständlich besteht Pisa nicht nur aus dem Piazza dei Miracoli, sondern ist selbst eine hübsche toscanische Stadt, mit reicher Geschichte und einer Eliteuniversität, die sich gewaschen hat. Ich möchte dort nicht Mathematik studieren. Man sagt, dass die meisten Studenten das Studium in Pisa nicht schaffen.
In einem der ersten Ristauranti, das sinnigerweise “Toscana” heisst, setzte ich mich hin und bestellte einen Stinco. Ich war einigermassen überrascht, dass es das zum Mittagessen gab, aber mir war es recht. Ich musste etwa eine halbe Stunde oder noch länger warten, was bedeutet, dass sie die Haxe wohl auf Bestellung zubereiten. Richtigerweise müsste sie seit 8 Uhr morgens garen und wäre dann ein paar Minuten nach der Bestellung auf dem Tisch. Erst als ich das Teil sezierte und den Knochen entfernte, ist mir in den Sinn gekommen, dass die beiden Girls am Tisch nebenan vielleicht Vegetarier sind und sich über meinen Stinco ekeln könnten. Ich liess es mir schmecken und blieb bis fast um 15 Uhr sitzen.
Auf den Spuren Fibonaccis und Galileis
Dann kam auch das versprochene Whatsapp mit dem Code. Ich holte mein Gepäck und stand wieder einmal vor der verschlossenen Tür meiner neuen Unterkunft. Während ich das Whatsapp studierte und die mitgelieferten Bilder mit den Gegebenheiten verglich, trat wieder eine Frau vor die Tür, die vielleicht im Haus wohnte. Möglicherweise war es auch ein Art Unterkunftsengel und dasselbe Wesen, das mir schon in La Spezia und in S. Magherita half, schnell und unkompliziert in meine Unterkunft zu kommen. Nachdem ich mein Zimmer bezogen hatte, begab ich mich wieder in die Altstadt, schaute einer Jazz-Dance Gruppe zu und machte einige Fotos. Ein Aperitifo war mein Abendessen.
Am nächsten Tag wollte ich einige Orte besuchen, die mit Leonardo da Pisa und Galileo Galilei in Verbindung standen. In Europa schrieb man tatsächlich bis etwa zum Jahr 1500 nur römische Ziffern, mit denen natürlich nicht gerechnet werden konnte. Wie wollen Sie z.B. XII mal XIV rechnen? Es gibt keinen Algorithmus, wie wenn Sie schriftlich 12 mal 14 ausrechnen: zuerst 1 mal 12 und dann 4 mal 12 versetzt untereinander schreiben und zusammenzählen. Fibonacci war ein viel gereister Mann und hatte auch den Beinamen Bigolli (der Weitgereiste). Die Familie zog gegen Ende des 12. Jahrhunderts in das algerische Bejaia, das ja auch einmal zum römischen Reich gehörte. Dennoch konnten sich die Araber leichter von den römischen Ziffern lösen, als die Europäer. Sind wir bequem?
Trotz Fibonaccis Bemühungen dauerte es noch immer 300 Jahre, bis die europäische Gesellschaft endlich die arabischen Ziffern annahmen, vor allem weil im 14. Jahrhundert mit den Entdeckungen auch der weltweite Handel aufblühte und man Preise vergleichen und berechnen musste. Dazu taugten die römischen Ziffern wenig.
Wikipedia schreibt:
“Auf den Marktplätzen und Handelshäuser war die Verwendung der
hindu-arabischen Ziffern 0–9 gängig, sie waren so viel effizienter als
die römischen Ziffern, die in Pisa vorherrschten. Die islamischen
Universalgelehrten Algorismi und Alkindus hatten die „christliche
Welt“ mit diesen Zahlen bekannt gemacht. Fibonacci studierte in
Bugia “arabische“ Mathematik, die er als Modus indorum be-
zeichnete.
Nach seiner Rückkehr nach Pisa veröffentlichte er 1202 sein Werk
Liber abaci, das die indo-arabischen Ziffern und die Rechnen-
methoden über Pisa nach Nordeuropa verbreitete und somit einen
Grundstein für die moderne angewandte Mathematik legte”
Auf den Spuren Fibonaccis und Galileis war ich jedoch nicht sehr erfolgreich. Ich machte einen recht grossen Giro durch die Altstadt und genoss die toscanische Architektur. Aber weder im Gairdino Scotto fand ich Fibonaccis Statue, noch konnte ich im Palazzo Reale den Turm besteigen, von dem aus Galilei seine Himmelsbeobachtungen machte, denn der Palazzo ist eingerüstet und befindet sich in Renovation. Immerhin fand ich Galileos Geburtshaus. Es steht etwas ausserhalb der eigentlichen Altstadt, direkt neben dem Trubunale di Pisa. Ob sich das Gericht auch schon vor 400 Jahren dort befand?
Hier wohnte also der Lautenist Vincenzo Galilei, der Vater Galileos. Man sagt, dass er sogar im Bett die Laute spielte und auch, wenn er einfach nur durch die Stadt ging. Auch Galileos Bruder war Lautenist, nahm ein Engagement in Polen an und liess sich schliesslich in München nieder. Wer hätte das gedacht? Ob es in München den Namen Galilei immer noch gibt? Bayrisch klingt der Name jedenfalls nicht.
Galileis Geburtshaus ist das rote Haus in der Häuserfront (Bild: http://www.w-volk.de/museum/birthp09.htm)

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