Wissenschaft, Kulturen, Gesellschaften

Ein Schweizer Blog
Mein Name ist Peter Addor. Ich lebe in Italien, Sri Lanka und der Schweiz, wo ich herkomme. Meine Betätigungsfelder sind mathematische Kategorientheorie, System Dynamics und nicht-lineare dynamische Systeme. Daneben mache ich digitale Kunst.

Kultur: der Nestgeruch der Menschen.

Von KI unerreicht!

| Von Peter Addor

Künstliche Intelligenz (KI) schlägt derzeit hohe Wellen. Z.B. beschäftigt sich jeder zweite Beitrag auf LinkedIn mit KI. Im Moment zitiert alles die “Vierte Kränkung” durch die KI. Einer schreibt “

„Sigmund Freud sprach von drei „Kränkungen“: Wir sind nicht Mittelpunkt des Universums. Nicht getrennt vom Tierreich. Und nicht einmal völlig souverän im eigenen Inneren. Künstliche Intelligenz (KI) trifft eine andere Stelle. Vielleicht die empfindlichste im Berufsalltag: Die Kränkung heißt: Nicht nur Hände werden ersetzt, sondern Teile des Kopfes. Denn plötzlich sind Formulieren, Strukturieren, Zusammenfassen, Argumentieren und Entwerfen nicht mehr exklusiv. Das betrifft nicht nur „Technikberufe“, sondern nahezu jede Tätigkeit, die über Sprache läuft.“
- auf LinkedIn gefunden

Was ist Kultur?

Es geht sogar so weit, dass gewisse “Experten”” immer wieder behaupten, KI werde die Menschheit ausrotten. Ganz abgesehen davon, dass niemand in die Zukunft schauen kann und sowieso immer alles anders kommt, als man denkt, ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Menschheit selber ausrottet, grösser, als dass die Menschheit durch KI ausgerottet wird. Im Moment basiert KI immer noch auf Large Language Models (LLM) und kann zwar eloqoent aber auch unpräzise oder gar unkorrekt schwatzen. Das reicht allerdings noch nicht aus, um menschliche Kultur zu überflügeln. Mir scheint, dass in der aktuellen Diskussion das Element der Kultur zu kurz kommt. Vielleicht ist Kultur derart allgegenwärtig, dass sie kaum wahrgenommen wird. Was ist für Sie Kultur? Die meisten werden Künste aufzählen: Malerei, Musik, … Bildhauerei, … dann wird’s schon schwieriger. Aber, hey: auch Wissenschaft, Religion oder gar Politik gehören zu Kultur! Fast alles, was wir machen, ist Kultur, die uns von nicht menschlichen Akteuren abgrenzt. Essen allein ist nicht menschliche Kultur, weil auch Papageien essen. Aber wie wir essen, wie wir das Essen zubereiten, wann wir essen, etc., das sind alles kulturelle Elemente.

Menschliches Denken ist stets von Gefühlen, Zweifeln, Erfahrungen, Intuition und Hoffnungen begleitet. Das ist ein ganz anderes Denken, als das einer KI. Und wer jetzt meint, Gefühle gehören nicht zum Denken, täuscht sich. Erstens steuern die Gefühle einen Menschen, nicht die Vernunft. Und zweitens geben die Gefühle dem Denken die Richtung an. Ohne Gefühle und Intuition würde kein Mensch Neues denken!

Ist Sprechen schon das halbe Verstehen?

Der eingangs zitierte LinkedIn-User schrieb im Zitat: “Das betrifft … nahezu jede Tätigkeit, die über Sprache läuft”. Und es läuft eben alles über Sprache, sogar Mathematik. Mathematik ist genauso menschliche Kultur, wie z.B. Musik auch. Mathematik besteht aus Gedanken und Vorstellungen, die von Menschen ausgedacht sind. In der Mathematik gibt es viele Konstruktionen, die nicht jedem Mathematiker schmecken. Sie versuchen, diese Konstruktionen zu umschiffen und Alternativen zu erfinden. Das würde eine KI niemals tun, denn sie hat keinen Geschmack und keine Vorlieben. Und das sind wesentliche Elemente im mathematischen Denken. Aktuell hat KI einige mathematische Fortschritte vorlegen können, die das Publikum veblüfft hat. Aber KI versteht nichts von Mathematik, sie weiss bloss, wie Mathematik klingt, bzw. wie man über Mathematik redet. Das kann auch etwas über die Mathematik selber aussagen. Vielleicht besteht auch unser Mathematikverständnis tatsächlich bloss darin, über ein mathematisches Thema reden zu können. Ich stelle immer wieder fest, dass sich mit der Zeit ein Verständnis einstellt, wenn ich mich lange genug mit einer KI über ein mathematisches Thema unterhalte, gerade so, als hätte ich mich stundenlang durch ein Lehrbuch gekämpft. Eine KI weiss, wie Mathematiker über ein (offenes) Problem denken und reden. Die KI übernimmt diese Sprache, setzt sie fort, wo die Menschen entnervt aufgehört haben und hat den Vorteil, alle Prozesse viel schneller durchlaufen zu können, als die Mathematiker. Wenn es etwas zu rechnen gibt, schreibt die KI schnell einen Algorithmus (weil sie selber ja nicht rechnen kann) und ist trotz dieses Umwegs immer noch schneller als jeder menschliche Rechenkünstler.

Es ist abzusehen, dass KI-Instanzen immer mehr Vermutungen widerlegen und vielleicht auch immer mehr Sätze beweisen. Das gibt für die Mathematiker immer mehr Arbeit, denn die Outputs der KI-Instanzen müssen verifiziert und verstanden werden. Mathematik, die nicht verstanden ist, nützt den Menschen nichts, weil sie nicht angewendet werden kann. Es sind Menschen, die die Mathematik verstehen müssen.

KI kann sich weiter entwickeln, aber nie menschlichen Groove annehmen

Und es werden immer mehr Fehler auftauchen, denn KI macht vor allem im Detail Fehler. Und Beweise, die auch nur klitzekleine Fehlerchen aufweisen, sind unbrauchbar. Manchmal können solche kleine Lücken in Beweisen behoben werden, dann ist die Vorarbeit, die die KI-Instanz geleistet hat, sehr wertvoll gewesen. Aber mit der Zeit wird das Interesse an KI, die versucht, über Mathematik zu reden und vorgibt, etwas davon zu verstehen, rapide abnehmen.

Das wird auch in anderen Gebieten der Fall sein. Wer eine Beethoven-Symphonie hört, die gar nicht von Beethoven, sondern von einer KI komponiert wurde, wird immer häufiger kleine Fehler in der Melodie und Struktur der Symphonie bemerken. Irgendeinmal wird man von solchen Nachahmungen Abstand nehmen. Beethoven hat eben Gefühle, Zorn, Hoffnungen, Kampf, vielleicht Tränen und Verzweiflung in seine Kompositionen gelegt. Eine KI kann die Tonalität einer Beethoven-Symphonie nachmachen, aber nicht den Wutanfall eines Komponisten, der langsam taub zu werden droht.

Selbstverständlich kann einer KI all das beigebracht werden. Und eines Tages wird die einseitige Sprachzentriertheit der KI-Systeme vielleicht durch typisierte Sprachmodelle ersetzt werden. Sprachzentrierte emotionstypisierte Logikmodelle könnten einer KI geben, was bisher unmöglich erscheint: Gefühle, Neugier, Willen und Bewusstsein. Nur eines wird eben immer fehlen: die menschliche Kultur! Die KI wird stets ihre eigene Kultur haben und damit wird alles, was KI-generiert ist, denselben Mangel haben: not invented here. Es wird immer fremd bleiben.



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